|
Johanneskirche, 29. Januar 2002
Im Grossrat des Kanton Bern wurden heute Interpellationen von Liliane Gujer
(Grünes Bündnis) behandelt. Aus diesem Anlass wollten zwei Sans-Papiers,
sowie zwei Personen des UnterstützerInnenkollektivs die Debatte verfolgen.
Bei der Eingangskontrolle zeigte Sherif seinen Führerausweis vor, er wurde
problemlos eingelassen. Ein paar Minuten später jedoch hiess es, er müsse
im Foyer bleiben, da es einige „Abklärungen“ zu treffen gäbe. Auf weiteres
Nachfragen hiess es dann, die Stadtpolizei sei zuständig und unterwegs.
Diese nahm ihn dann fest.
Laut polizeilichen Angaben ist seine Verhaftung auf einen RIPOL -Eintrag
zurückzuführen. Sherif soll nächstens der Fremdenpolizei Basel überstellt
werden.
Sherif reiste vor 13 Jahren erstmals in die Schweiz ein. Die Mitgliedschaft
in einer legalen Oppositionspartei, sowie die Tatsache, dass er Kurde ist,
führten zu mehreren Verhaftungen und Folter durch die Polizei, sowie Morddrohungen.
In der Folge verliess er die Türkei und kam in die Schweiz. Nach vier Jahren
wurde sein Asylgesuch abgelehnt. Daraufhin kehrte er in seine Heimat zurück
. Vor ungefähr 1 1/2 Jahren reiste er ein zweites Mal in die Schweiz ein
und stellte ein zweites Gesuch, auf das gar nicht erst eingetreten wurde,
weil er nur über einen kopierten Führerausweis und nicht über einen gültigen
Pass verfügte.
Sherif verbinden enge familiäre Beziehungen mit der Schweiz. Seine von ihm
geschiedene Frau (sie hat eine „N“ Aufenthaltsbewilligung) mit ihren beiden
kleinen Kindern leben im Kanton Bern. Er pflegte regelmässigen Kontakt mit
ihnen. Das ältere Kind besucht die erste Klasse, des Jüngere eine Spielgruppe.
Beide haben viele Freundschaften geschlossen, etwas Berndeutsch gelernt
und sich integriert. Sein Bruder lebt auch in der Schweiz.
Diese Verhaftung steht im Widerspruch zu den seitens der Behörden proklamierten
Willen, Härtefälle einzeln zu überprüfen. Sowohl Gemeinde, wie auch Kanton
beteuerten stets, dass die Verfolgung von Sans-Papiers, die sich innerhalb
des Sans -Papiers-Kollektivs für ihre Regularisierung einsetzen „keine Priorität“
darstelle. Diese Verhaftung aus einer Parlamentsdebatte zeugt von einem
erbärmlichen Demokratieverständnis der Behörden. Sherif bereitete bereits
seinen Antrag auf Härtefallprüfung vor. Seine Erfahrungen in der Türkei
zeigen, dass Sherif nur unter akuter Gefährdung seiner Sicherheit auszuschaffen
ist und dies demzufolge einem illegalen Willkürakt gleichkommt.
Wir verlangen die sofortige Freilassung von unserem Freund und Mitstreiter
Sherif und das Ende einer Politik der Einschüchterung und der Repression.
Sherif war seit Anfang unseres Kampfes in Bern dabei. Wir haben ihn immer
als einen kommunikativen, feinfühligen, freundlichen und hilfsbereiten Menschen
und Vater erlebt. Wir sind entsetzt ab der Willkür, die ihm widerfährt.
Dieser Fall zeigt einmal mehr, wie unhaltbar und unmenschlich unsere gültigen
Gesetze sind und wie dringend es ist, menschliche Lösungen zu finden und
umzusetzen. Eine kollektive Regularisierung der Sans -Papiers bleibt dringender
denn je. Der Kampf geht weiter!
Sans-Papiers-Kollektiv Bern
PS. Wir führen heute, Dienstag, ab 17 Uhr eine Protestmahnwache vor der
Heiliggeistkirche in Bern durch.
|