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Mehr als medizinische Hilfe Sans-Papiers haben keine Versicherung und auch
kaum Zugang zu medizinischer Hilfe. Eine Beratungsstelle verhilft illegalisierten
Frauen zu sicheren und günstigen Arztbehandlungen.
Pascal Schwendener
Gesundheit für alle. «Dieser Grundsatz der Weltgesundheitsorganisation gilt
in der Schweiz offenbar nicht», sagt Rania Bahnan. Menschen, die sich ohne
Aufenthaltsbewilligung hier aufhielten, hätten nämlich keinen oder nur einen
sehr erschwerten Zugang zum hiesigen Gesundheitssystem. «Sie können keine
Krankenkassenversicherung abschliessen und sehen sich deshalb oft ausser
Stande, teure Arzt- und Spitalrechnungen zu bezahlen.» Kommt hinzu, dass
sich viele Papierlose gar nie in ärztliche Untersuchung begeben, aus Angst,
entdeckt und ausgeschafft zu werden. Nicht ohne Grund, wie Rania Bahnan
erklärt: «Meldet sich beispielsweise ein Illegaler im Inselspital, kann
es vorkommen, dass er von dort der Fremdenpolizei gemeldet wird.» Und so
zögern viele Sans-Papiers ihren Arztbesuch heraus, «warten und warten, bis
sie schliesslich als Notfall ins Spital eingeliefert werden».
Hilfe zu reduziertem Preis Rania Bahnan hat bei ihrer Arbeit im Migrantinnenprojekt
«wisdonna» des Christlichen Friedensdienstes viele Menschen in solch misslichen
Situationen kennen gelernt. So viele, dass sie vor einem Jahr gemeinsam
mit anderen Frauen aus dem Gesundheits- und Sozialwesen die Fachstelle MeBiF
gründete, die Fachstelle Medizinische Hilfe für illegalisierte Frauen. «Hier
an der Lorrainestrasse 14 vermittelt MeBiF Frauen ohne Bewilligung sowie
ihren Kindern medizinische Hilfe», sagt Bahnan, die Präsidentin des Vereins
MeBiF. Die zehn ehrenamtlich tätigen Mitarbeiterinnen von MeBiF stellen
eine erste Diagnose und suchen dann eine Arztpraxis, die bereit ist, eine
illegale Frau zu reduziertem Tarif oder gar kostenlos zu behandeln. «Das
klappt erstaunlich gut», meint Rania Bahnan. Für viele Ärzte sei dies ein
ganz selbstverständlicher Teil ihrer Arbeit. So hat hat MeBiF mittlerweile
ein Netz von über zwanzig Gynäkologen, Hebammen, Zahnärzten, Physio- und
Psychotherapeutinnen aufgebaut, die regelmässig günstige oder kostenlose
Behandlungen durchführen.
Vermittelt auch Rechtshilfe Offenbar entspricht MeBiF einem echten Bedürfnis.
Ein knappes Jahr nach der Eröffnung hat sich das neuartige Angebot in Bern
so weit herumgesprochen, dass regelmässig einige Frauen vor der Tür stehen,
wenn die Beratungsstelle alle vierzehn Tage öffnet. «Oft handelt es sich
dabei um Migrantinnen, die erst kurze Zeit im Land sind und sich wegen Sprachschwierigkeiten
schlecht zurechtfinden», sagt Bahnan. Deshalb leiste MeBiF bisweilen nicht
bloss Triage-Arbeit im medizinischen Bereich, sondern vermittle ab und an
auch Deutschkurse oder Rechtshilfe. «Bei unserem Anspruch nach bio-psycho-sozialer,
sprich ganzheitlicher Gesundheit, muss aber auch das Platz haben», sagt
sie schmunzelnd.
Die Angst macht krank Ernster wird Rania Bahnan beim Thema Justiz. Es sei
ihr bewusst, dass die Arbeit des Vereins MeBiF in einer rechtlichen Grauzone
stattfinde, sagt sie. Die Polizei fürchte sie deshalb aber nicht. «Wir stehen
in Kontakt mit ähnlichen Beratungsstellen im In- und Ausland», sagt sie,
«und keine davon hatte bisher diesbezügliche Probleme.» Deutlich mehr zu
denken gebe ihr die weitere Finanzierung des Projekts, das allein durch
Mitgliederbeiträge und Spendengelder getragen wird. An ideeller Unterstützung
dagegen mangelt es MeBiF offenbar nicht. «Die laufenden Diskussionen rund
ums Thema Sans-Papiers hat viele Leute für deren Situation sensibilisiert»,
sagt Rania Bahnan. Noch immer hofft sie auf eine Verbesserung der rechtlichen
Situation der Papierlosen in der Schweiz. «Denn die permanente Belastungssituation,
in der sie jetzt leben, kann sich in körperlichen und psychischen Syptomen
äussern», sagt Bahnan. «Ihre schlechten Wohn- und Arbeitsbedingungen sowie
die dauernde Angst vor Ausschaffung machen krank.» MeBiF, die Medizinische
Beratung für illegalisierte Frauen, hat jeden zweiten Montag von 14 bis
16 Uhr geöffnet. Das Telefon während der Öffnungszeiten: 079 666 95 72.
BZ-Stadt Bern (Fr. 28. Dezember 2001)
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